Ich sitze seit Stunden herum und warte darauf, daß ich endlich dran bin. Die erste Flut an Menschen ist schon abgefertigt und nach einer kleinen Flaute strömen wieder mehr dazu.
Breitbeinig, mit den Ellenbogen auf den Knien aufgestützt, starre ich auf den Fußboden und überlege, was ich in der Zeit alles hätte machen können. Das Lesen habe ich aufgrund von mangelnder Konzentrationsfähigkeit aufgegeben.
„Frau XY, bitte.“
Die Vertrautheit meines Namens dringt durch den Nebel meiner Langeweile und ich erhebe mich.
„Oh, habe ich da falsch in den Computer geschaut?“
Ich ignoriere die Frage, die mein zuständiger Sachbearbeiter in den Raum voller Menschen wirft und gehe zu ihm hinüber. Was hätte ich auch antworten sollen?
„Jetzt bin ich verwirrt,“ sagt er.
„Nicht nur Sie,“ antworte ich und überlasse ihm die Interpretation meiner Aussage.
Um seine Verwirrung zu entwirren stürzt der gute Mann erst einmal an seinen Rechner und schaut rein.
„Nein, da steht Frau XY.“
„Sie können mich auch gerne mit „Herr“ ansprechen, das paßt auch ganz gut.“ Das hatte bei (s)einer Kollegin vor einem knappen Jahr auch ganz funktioniert, nachdem ich ihr zugesichert hatte, daß es völlig in Ordnung sei und es sich für mich auch stimmiger anfühlte.
Nicht so Mister Dienst-nach-Vorschrift. Wahrscheinlich bin ich bei meinem Glück mal wieder bei einem Neueinsteiger gelandet. Wäre ja nicht das erste Mal.
Mister Dienst-nach-Vorschrift ist auch nicht sehr erbaut darüber, wenn man aufgrund seiner Aussagen nochmals nachhakt, weil man andere Informationen hat (wohlgemerkt aus dem gleichen Haus). Oh, nein.
Merke: stelle nicht die allwissende Autorität eines Menschen in Frage, von dem du etwas willst, auch nicht durch freundliche, verwirrte oder verunsicherte Nachfragen.
Das Gespräch geht seinen Gang und wir landen irgendwann bei meinem erlernten Beruf, den er in der weiblichen Form wiederholt. Woraufhin ich ihn erneut in der männlichen Form ausspreche – ja, ich habe mal wieder nicht nachgedacht (und ja, er bekommt den Credit von meinem feministischen Anteil, aber nicht von mir als Transgender).
„Sie sind doch aber eine Frau.“
„Das ist das, was Sie denken. Ich fühle mich aber nicht so.“ Daß er mich als Mann sah, bevor er genaueres wußte, hat er schon wieder völlig vergessen. Schließlich steht ja in seinem Rechner, daß ich eine Frau zu sein habe.
Genau das erklärt er mir auch und solange das so in seinem Computer steht…
Ich beiße die Zähne zusammen und lächle nett. Ich schaffe es sogar, später irgendwo noch einen kleinen Witz unterzubringen.
Ich habe den Rest des Tages damit verbracht, mir in allen Einzelheiten vorzustellen, wie es wäre, wenn ich innerhalb einer Woche die VÄ durchbekommen würde. Denn da habe ich den nächsten Termin bei ihm. Es wäre einfach zu schön, ihm mit seinem eigenen Argument zu kommen, wenn ich da vor ihm sitze (womöglich noch in engem T-Shirt) und es steht Fritz XY auf seinem Monitor.
Nicht, daß das alleine ein guter Grund für eine VÄ ist, oder es die Atmosphäre verbessern würde, aber nett war die Vorzustellung trotzdem.
