Eltern & andere (Art-)Verwandte Dienstag, Nov 13 2007 

Ich hatte heute ein kurzes Gespräch mit meiner Mutter. Auf die Frage hin, was es denn Neues bei mir gäbe, antwortete ich mit einem nichtssagenden »Och, nix großartiges.«
Jedenfalls mal nichts, was ich ihr hier und jetzt am Telefon hätte erzählen wollen. Ich hätte aber auch nichts gesagt, wenn ich vor ihr gestanden wäre. Denn ich kann ihre Reaktion haargenau vorhersehen: Tränen in den Augen und dann den Raum verlassen.
Sie versteht es einfach nicht. Sie versteht nicht, daß ich nicht das süße weibliche Wesen bin, von dem sie dachte, es geboren zu haben. Schließlich weiß sie ganz genau, daß ich alle äußeren Merkmale habe, die ein Mädchen so braucht. Und wenn ich mir nur ein wenig Mühe geben würde, dann könnte ich ja was aus mir machen. Ich könnte mir z.B. die Haare wachsen lassen. Dann würde ich nicht immer aussehen wie ein Bub. Ich bin ja schon glücklich darüber, daß ich diesen Spruch bei meinem letzten Besuch nicht zu hören bekommen habe.
Sie versteht das Konzept »Butch« nicht. Ich habe versucht, es ihr zu erklären, ich habe sie sogar einen Brief lesen lassen, den ich anläßlich eines Seminars einmal geschrieben habe, wo ich sehr deutlich über mein Gefühl gesprochen habe, mich nicht als Frau, aber eben auch nicht als Mann zu empfinden, sondern als etwas anderes. Ich versuchte, ihr zu erklären, daß ich »Butch« als mein Gender/Geschlecht empfinde.

Mein Vater hat da etwas anders drauf reagiert, denn auch ihm gab ich diesen Brief zu lesen. Sein Kommentar: »Du hast mir in Röcken eh nie gefallen.« Sehr entzückend, auch wenn man hier eher zwischen den Zeilen horchen muß. Natürlich kann auch er dieses Gefühl nicht nachempfinden, er kennt es ja nicht. Aber bei ihm habe ich wenigstens den Eindruck, er versucht zu verstehen. Bei ihm habe ich auch nicht das Gefühl, völlig versagt zu haben bzw. die Erwartungen nicht erfüllt zu haben.
Na, wenn das mal nicht darauf schließen läßt, was ich für Gefühle meiner Mutter gegenüber habe, weiß ich auch nicht. Da hab ich ja tatsächlich die richtigen Bachblüten erwischt! Na warte…!

Scherz beiseite. Wie also soll ich dieser Frau erklären, daß ich mit meinem Namen kreuzunglücklich bin? Wie soll ich ihr klarmachen, daß für mich irgendwann (wenn sich die Apfelbutzen-Technik durchgesetzt hat. Dazu bald mehr) eine Brust-OP ansteht? Soll ich es ihr bzw. ihnen überhaupt sagen? Oder wäre es sinnvoller, es einfach zu verschweigen und abzuwarten, ob meine Eltern es überhaupt bemerken?
Was mach ich mit meinem Bruder? Der hat sich nicht mehr gerührt, seit ich die Geburtstagskarte an seine Tochter mit »Tonkel« unterzeichnet habe. Ich finde den Begriff immer noch großartig, er wohl eher nicht.
So wie ich mich kenne, werde ich es in der Familie nicht verschweigen, nur das wie, wo, warum und in welcher Form ist die Frage – aber eine, die ich heute abend auch nicht mehr beantworten werde.

Bin ich ein Fehler vom Universum? Dienstag, Nov 13 2007 

Edit: English below

Wow, vor ein paar Tagen wurde mir die Frage gestellt, ob ich denn wirklich glauben würde, daß das Universum Fehler macht (ausdrücklich auf mich und Trans*-Themen gemünzt. Deshalb werde ich hier und jetzt diese Frage auch nur in diesem Zusammenhang sehen). Was für ein Totschlag-Argument! Ich mein, wenn ich mich in der Welt so umschaue, dann keimt in mir ja doch der ketzerische Verdacht auf, daß das Universum eben nicht perfekt ist (und das gewiß nicht nur in Bezug auf Trans*-Themen).
Man könnte ja aber auch sagen, daß Universum mag perfekt sein, aber die Menschen, die auf der Erde leben, sind es nicht.
Wenn man an die intersexuellen Kinder denkt, die geboren werden und an denen dann »ein korrigierender Eingriff« vorgenommen wird… ist das nun ein Fehler des Universums oder einer der Menschen, die nicht damit umgehen können?
Wie transsexuelle Menschen die o.g. Frage beantworten würden, ist auch relativ klar. Aber was denke ich nun darüber? Ist das Universum perfekt und hat mich in diesen Körper gesteckt, um in diesem Leben damit umzugehen, ohne Veränderungen daran vorzunehmen (ich sehe hier einfachheitshalber einmal von anderen Möglichkeiten der Body-Modifacation ab. Das geht ja schon beim Haarschneiden los. Ganz zu schweigen von Tattoos, Piercings usw.)? Hat das Universum mich in diesen Körper gesteckt, um daran etwas zu ändern und damit (zusammen mit anderen) zu zeigen, daß manche Konzepte (z.B. die Zweigeschlechtlichkeit) auf dieser Welt unsinnig sind? Oder hat das Universum einfach nicht aufgepaßt, als ich kreiert worden bin?
Bin ich ein Fehler vom Universum? Diese Frage ist eine Glaubensfrage und ich kann ganz sicher sagen: ich weiß es nicht.

Am I a mistake from the universe?

Wow, just recently someone asked me if I would really believe that the universe would make mistakes (here especially related to me and stuff about trans*. That’s why I’m only taking trans* in account right now). What a killer phrase! There is one or the other heretical thought growing in my mind about the world not being perfect, when I look around. You now what I’m saying? And here I’m not only talking about themes related to trans*.
Well, you could say that maybe the universe is perfect but humans on this world aren’t.
When you think about the intersexual babies that are born and have surgical treatment… is that a mistake from the universe or is it rather a mistake from humans who can’t deal with it?
I think it’s pretty clear how transsexual people would answer the question appointed to me. But what do I think about it? Is the universe perfect and put me into this body to live with it without changing anything about it (to leave it simple: I’m not starting to talk about other possibilities for body modification. That starts with cutting hair, leave alone tattoos or piercing etc.)? Or did the universe put me into this body so that I will change something on it and show (together with other people) that there is something wrong with the system (for example Zweigeschlechtlichkeit – I have no idea how that is translated. Heteronormativity?). Or did the universe simple didn’t watch out while I was created?
So, am I a mistake from the universe? That is a question of faith. And I can clearly say: I don’t know.

Schlechtes Gewissen Dienstag, Okt 30 2007 

Mein erster Beitrag für diese Kategorie. Denn kaum hatte ich gepostet, daß ich hier noch nichts geschrieben, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Einfach weil ich oft genug mitbekommen habe, daß die Freund*innen, Unterstützer*innen, Partner*innen von Trans*-Leuten nur noch eine Nebenrolle spielen.
Ich möchte das nicht. Und ich bete zu wem auch immer, daß ich nicht in diese Schiene rutsche und mich nur noch an erster Stelle sehe, nur noch meine Probleme als wichtig empfinde.
Ich habe gerade das Bedürfnis, mir diesen ganzen unsortierten Haufen an Gedanken und Gefühlen von der Seele zu schreiben – eigentlich ohne Punkt und Komma. Dafür halte ich mich ganz gut, denn ich glaube, die Punktion funktioniert noch einigermaßen. Mir ist gleichzeitig aber auch bewußt, daß ich da nicht alleine bin und lustig Egomane spielen kann (und auch nicht möchte). Denn meine Entscheidungen betreffen nicht nur mich, sondern haben eben auch in der einen oder anderen Form Auswirkungen auf mein Umfeld, vor allem auf die Femme an meiner Seite.
Ich kann vermutlich noch nicht einmal ahnen, wie es sich für sie anfühlt. Am ehesten bekomme ich das noch bei dem Gedanken an die OP auf die Reihe. Die Vorstellung, sie müsse sich einer Operation unterziehen, löst bei mir auch nicht gerade Begeisterungsstürme aus. Das ist allerdings eine recht konkrete Sorge. Was ist aber mit diesen ganzen Zwischenströmungen? Ich kann mir auch Vorstellen, daß andere Ängste ebenfalls mitschwingen, wie z.B. ob oder wie sehr ich mich (auch ohne Testo) verändern mag. Was, wenn ich ein komplettes Arschloch werde (was ich nun nicht für sehr wahrscheinlich halte, aber habe ich nicht irgendwo schon geschrieben, daß Emotionen nicht immer ganz so rational sind?)?

Den Weg, den ich vor mir habe, wird sicherlich kein Sonntagsspaziergang. Werde ich unter dem Streß zusammenbrechen, wenn es nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe? Was kann ich tun, damit ich für sie nicht zur Last werde?
Das nur mal so als Anfang für diese Kategorie. Da ist noch lange nicht alles dazu gesagt, wenn ich daran denke, wer sich alles so in meinem Umfeld tummelt. Es gibt ja nicht nur meine Femme. Ich denke da an meine Eltern, meine besten Freundinnen, meinen Bruder… und andere eben.