Ich hatte heute ein kurzes Gespräch mit meiner Mutter. Auf die Frage hin, was es denn Neues bei mir gäbe, antwortete ich mit einem nichtssagenden »Och, nix großartiges.«
Jedenfalls mal nichts, was ich ihr hier und jetzt am Telefon hätte erzählen wollen. Ich hätte aber auch nichts gesagt, wenn ich vor ihr gestanden wäre. Denn ich kann ihre Reaktion haargenau vorhersehen: Tränen in den Augen und dann den Raum verlassen.
Sie versteht es einfach nicht. Sie versteht nicht, daß ich nicht das süße weibliche Wesen bin, von dem sie dachte, es geboren zu haben. Schließlich weiß sie ganz genau, daß ich alle äußeren Merkmale habe, die ein Mädchen so braucht. Und wenn ich mir nur ein wenig Mühe geben würde, dann könnte ich ja was aus mir machen. Ich könnte mir z.B. die Haare wachsen lassen. Dann würde ich nicht immer aussehen wie ein Bub. Ich bin ja schon glücklich darüber, daß ich diesen Spruch bei meinem letzten Besuch nicht zu hören bekommen habe.
Sie versteht das Konzept »Butch« nicht. Ich habe versucht, es ihr zu erklären, ich habe sie sogar einen Brief lesen lassen, den ich anläßlich eines Seminars einmal geschrieben habe, wo ich sehr deutlich über mein Gefühl gesprochen habe, mich nicht als Frau, aber eben auch nicht als Mann zu empfinden, sondern als etwas anderes. Ich versuchte, ihr zu erklären, daß ich »Butch« als mein Gender/Geschlecht empfinde.
Mein Vater hat da etwas anders drauf reagiert, denn auch ihm gab ich diesen Brief zu lesen. Sein Kommentar: »Du hast mir in Röcken eh nie gefallen.« Sehr entzückend, auch wenn man hier eher zwischen den Zeilen horchen muß. Natürlich kann auch er dieses Gefühl nicht nachempfinden, er kennt es ja nicht. Aber bei ihm habe ich wenigstens den Eindruck, er versucht zu verstehen. Bei ihm habe ich auch nicht das Gefühl, völlig versagt zu haben bzw. die Erwartungen nicht erfüllt zu haben.
Na, wenn das mal nicht darauf schließen läßt, was ich für Gefühle meiner Mutter gegenüber habe, weiß ich auch nicht. Da hab ich ja tatsächlich die richtigen Bachblüten erwischt! Na warte…!
Scherz beiseite. Wie also soll ich dieser Frau erklären, daß ich mit meinem Namen kreuzunglücklich bin? Wie soll ich ihr klarmachen, daß für mich irgendwann (wenn sich die Apfelbutzen-Technik durchgesetzt hat. Dazu bald mehr) eine Brust-OP ansteht? Soll ich es ihr bzw. ihnen überhaupt sagen? Oder wäre es sinnvoller, es einfach zu verschweigen und abzuwarten, ob meine Eltern es überhaupt bemerken?
Was mach ich mit meinem Bruder? Der hat sich nicht mehr gerührt, seit ich die Geburtstagskarte an seine Tochter mit »Tonkel« unterzeichnet habe. Ich finde den Begriff immer noch großartig, er wohl eher nicht.
So wie ich mich kenne, werde ich es in der Familie nicht verschweigen, nur das wie, wo, warum und in welcher Form ist die Frage – aber eine, die ich heute abend auch nicht mehr beantworten werde.
