Verrat Montag, Okt 29 2007 

Ich schrieb, daß ich mich zu der Brust-Entfernung entschlossen habe. Trotz des unglaublichen Gefühls von Verlust, trotz einer unglaublichen Trauer und trotz der Gedanken von Verrat, die durch meinen Kopf schwirren.
Ich möchte mit dem Gefühl von Verrat beginnen. Zum einen den Verrat am eigenen Körper. Mein Körper, der sich gut anfühlt – trotz Brüste, manchmal sogar explizit wegen der Brüste.
Andrerseits der Gedanke daran, daß ich andere Butches verrate, die sich nicht zu diesem Schritt entschlossen haben. Natürlich ist mir bewußt, daß dieser Gedanke oder das Gefühl dazu nicht rational ist. Aber so ist das eben mit den Emotionen, sie sind nicht immer rational. Wie kann ich mich dazu entschließen, etwas von meinem Körper wegschneiden zu lassen, daß sich eigentlich gut anfühlt? Diese Frage stelle ich mir schon seit ein paar Tagen. Die Antwort darauf mag nicht wirklich zufriedenstellend klingen.
Das Bild, das ich von mir selbst in meinem Kopf habe, kollidiert mit dem, welches ich im Spiegel sehe oder dem, wenn ich an mir selbst hinabschaue. So einfach ist das (oder auch nicht). Reine Äußerlichkeit? Mag sein, aber eben eine entscheidende.

Wie kann es sein, daß ich meine Brüste noch nicht einmal abbinde, weil ich es nicht ertrage, meinem Körper das anzutun, aber mich gleichzeitig auf dem Weg mache, mich einer Vollnarkose zu unterziehen, Teile meines Körpers abschneiden zu lassen und vielleicht sogar das Gefühl in den Nippeln zu verlieren? Ein kluger Kopf sagte mir, daß wäre gar nicht so verrückt, wie es klingen mag, denn die langzeitigen Schäden von ständigem Abbinden sind wohl nicht ohne.
Ich fange wieder mit Äußerlichkeiten an, diesmal aber nicht von meiner Person aus gesehen, sondern wie andere mich wahrnehmen. »Du bist doch eine ganz normale Frau«, sagte neulich eine Seminar-Teilnehmerin zu mir. Ähm, nein, bin ich nicht. Nur weil ich Brüste habe, nimmt sie mich so wahr. Es gibt auch einige, denen es nicht so geht – zum Glück!
Ich bin mir ständig meines Körpers bewußt. Ganz einfach weil er etwas darstellt, was ich nicht empfinde. Nie zuvor war es allerdings so offensichtlich und so extrem spürbar, wie bei oben erwähntem Seminar. Ich habe ständig an meinem Pulli herumgezupft, um so gut wie möglich meine Brüste zu verbergen, damit ich auch nach dem ausschaue, was ich so deutlich in der relativ großen Gruppe ausgesprochen habe: nicht Frau zu sein.

Abschiednehmen vom Kern der Gruppe war ein sehr seltsames Gefühl, denn mir war jedesmal bewußt, daß diese Menschen, denen ich lang und breit erklärt hatte, ich empfinde mich nicht als Frau, daß diese Menschen nun meine Brüste spüren würden. So nahe mir die meisten der Leute während dieser Woche gekommen waren, so fremdartig fühlten sich die Umarmungen an. Verstehen sie, was ich ihnen vermittelt hatte? Können sie diese Kluft zwischen sehen/spüren und meinen Worten überbrücken, oder warf es sie auf die gängige Meinung zurück, daß es nur zwei Geschlechter gibt?

Bei einer Übung kam ich auf den Wunsch selbstsicherer zu sein. Diese Übung hat wie eine Bombe eingeschlagen. Irgendwo scheint bei mir ein Knoten geplatzt zu sein. Ich bin mir zwar meines Körpers bewußt, aber ich fühle mich nicht sicher darin. Ich habe auch jetzt noch nicht die passenden Worte, um zu beschreiben, wie sich das anfühlt. Ich habe das Gefühl, daß diese mangelnde Selbstsicherheit meines Körpers gegenüber wirkt sich auf alles andere in meinem Leben aus.
Und nein, ich denke jetzt nicht, daß nach der OP alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Dazu gehört schon noch einiges mehr. Aber ich glaube, es ist ein Anfang, oder könnte zumindest einer sein.
So viel einmal an dieser Stelle zum Verrat. Mehr folgt.

Mastek oder Brust-OP Montag, Okt 29 2007 

Wenn mir vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, daß ich irgendwann einmal mehr als nur oberflächlich über eine Brust-Entfernung nachdenken würde, ich hätte es nicht geglaubt. Denn genau zu diesem Zeitpunkt hörte ich, daß das Gefühl in den Brustwarzen fast immer unter der OP leidet, wenn es nicht sogar ganz verschwindet. Damals war das für mich ein absolutes Ausschlußkriterium. Ich liebe das Gefühl, welches die Berührung meiner Nippel in mir auslöst.
Jetzt bin ich allerdings an einem anderen Punkt. Ich – ausgerechnet ich, der ich noch nicht einmal abbinde – habe mich zu diesem Schritt entschlossen. Die Entscheidung ist im Lauf der letzten Woche endgültig getroffen worden.
Der Entschluß steht also, aber die aufwühlenden Gedanken und Emotionen zum Thema Brust-Entfernung sind noch lange nicht abgeschlossen. Und es sind recht ambivalente Gefühle und Gedanken, die da in mir herumgeistern. Über genau diese Gefühle und Gedanken werde ich mich hier mit der Zeit genauer befassen.

Vornamensänderung Montag, Okt 29 2007 

Was mir inzwischen sehr klar geworden ist, ist daß ich meinen Vornamen ändern möchte. Mir behagt der Gedanke nicht, im Impressum meiner Homepage mit dem Namen, den meine Eltern mir gegeben haben, zu stehen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich dort nicht weiterkomme.
Ich habe zu diesem Namen überhaupt keinen Bezug. Er paßt absolut nicht zu mir. Und er schreibt mich eindeutig auf ein Geschlecht zu, welches ich nicht als das meine empfinde. Ich kann gut damit leben, einen relativ neutralen Rufnamen, einen eindeutig männlichen Zweitnamen und trotzdem den Verweis »weiblich« in meinem Ausweis stehen zu haben.

Wenn… Montag, Okt 29 2007 

Wenn ich ein Transmann wäre, läge mein Weg relativ klar vor mir: Gang zum Gutachter, Vornamensänderung, Testosteron, Entfernung der Eierstöcke (und evtl. Gebärmutter), Entfernung der (oftmals verhaßten) Brüste, Personenstandsänderung und vielleicht ein Penoidaufbau.

Ich bin aber kein Transmann – jedenfalls nicht so, wie man es sich vielleicht so allgemein vorstellt – der sich komplett im falschen Körper fühlt. Ich kann sagen, daß ich mich nicht als Frau fühle. Ich kann aber genau so gut sagen, daß ich mich nicht als Mann empfinde. Oder daß ich mich wie ein Mann mit genetischem Defekt (fehlendem Schwanz, dafür vorhandenen Brüsten) fühle. Ich verspüre kein drängendes Bedürfnis danach, einen Schwanz zu haben. Ich spüre durchaus (bis zu einem gewissen Grad) so etwas wie ein Schwanzgefühl, und sollte mir das zuwenig sein, greife ich zu Harness und Dildo und et voila… Nicht echt? Echt genug für mich.

Okay, wir stellen fest, ich habe keinen Penis-Neid.

Thema Hormone ist für mich gerade gar kein Thema. Ich zupfe mir jede Woche diese paar biestigen Haare an meinem Kinn aus, ebenso die Augenbrauen, die über meiner Nasenwurzel zusammenwachsen möchten. Ich rasiere mir die Achseln, M*se und Beine – da werd ich den Teufel tun und für noch mehr Haare sorgen. Die Vorstellung, auf meiner Brust (oder gar auf dem Rücken) die Haare sprießen zu sehen, sorgt bei mir nicht gerade für Begeisterung (sorry hier an die Brusthaarliebhaber*innen, aber das konnte ich schon zu meinen Heterozeiten vor 15 Jahren nicht ab. Für alle, die Haare mögen: Go for it! Unbedingt! Ich streite mit niemanden über deren Präferenz, es ist nur nicht die meine).

An meiner Contra-Alt-Stimme möchte ich gerade auch nichts ändern, habe ich doch vor drei Tagen erst ein tolles Kompliment zu meinem Gesang bekommen.

Wenn ich unbedingt mehr Muskeln haben wollen würde, könnte ich Gewichte stemmen oder bei mehr 12stündigen Umzügen helfen (Himmel, habe ich einen Muskelkater!). Auch dazu brauche ich also kein Testo.

Auch wenn mich zuweilen Krämpfe plagen, wenn ich meine Mens habe und auch wenn ich mir und vor allem meinem Umfeld oftmals wünsche, daß ich (und die anderen) nicht tagelang unter PMS (Prämenstruelles Syndrom, oder die Tage vor den Tagen) leide, so nehme ich das nicht als Anlaß, mir die Eierstöcke und/oder die Gebärmutter entfernen zu lassen.

So weit, so gut. Wir haben jetzt also die Punkte soweit abgehakt, mit denen ich keine Probleme habe und die ich auch nicht ändern wollen würde.

Ach so, eine Sache noch an dieser Stelle: Ich habe absolut kein Bedürfnis danach, meine Butch-M*se funktionsunfähig zu machen. Das wäre ja noch schöner. Nix da! Und wer jetzt denkt, daß ich mit einer M*se, die ich nicht hasse und die ich auch weiterhin fleißig (be)nutzen (lassen) möchte (z.B. von Femme-Händen), wer also denkt, daß ich unter diesen Umständen ja nur eine Frau sein kann – sei’s drum. Diese Diskussionen trage ich an anderer Stelle aus.

Fortsetzung folgt.

Konflikte Montag, Okt 29 2007 

Ich weiß nicht, ob noch jemand in so einem Konflikt mit seinem/ihrem Körper steht, wie ich es gerade tue. Das heißt, bestimmt gibt es jemanden, nur kenne ich sie/ihn nicht. Oder wir haben keine Gelegenheit darüber zu sprechen. Und es gibt bestimmt viele, die irgendeinen Konflikt mit ihrem Körper haben. Let’s face it: wer ist schon komplett zufrieden? Vor allem mit den ganzen Normierungen und Schönheitsidealen, die uns tagtäglich um die Köpfe gehauen werden. Es ist also eigentlich kein Wunder, daß es da das eine oder andere Problem(chen) gibt.

Ich spreche hier von und fühle allerdings einen besonderen Konflikt mit meinem Körper – ich bin trans*, um genau zu sein, sprach ich bisher von Transgender-Butch.

Ich habe nicht vor, dieses Konzept meines gefühlten Geschlechts hier näher zu beschreiben. JedeR die/der hier mehr als diesen ersten Beitrag liest, wird vielleicht von selbst dahinter kommen, wer/was ich bin.

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