Ich schrieb, daß ich mich zu der Brust-Entfernung entschlossen habe. Trotz des unglaublichen Gefühls von Verlust, trotz einer unglaublichen Trauer und trotz der Gedanken von Verrat, die durch meinen Kopf schwirren.
Ich möchte mit dem Gefühl von Verrat beginnen. Zum einen den Verrat am eigenen Körper. Mein Körper, der sich gut anfühlt – trotz Brüste, manchmal sogar explizit wegen der Brüste.
Andrerseits der Gedanke daran, daß ich andere Butches verrate, die sich nicht zu diesem Schritt entschlossen haben. Natürlich ist mir bewußt, daß dieser Gedanke oder das Gefühl dazu nicht rational ist. Aber so ist das eben mit den Emotionen, sie sind nicht immer rational. Wie kann ich mich dazu entschließen, etwas von meinem Körper wegschneiden zu lassen, daß sich eigentlich gut anfühlt? Diese Frage stelle ich mir schon seit ein paar Tagen. Die Antwort darauf mag nicht wirklich zufriedenstellend klingen.
Das Bild, das ich von mir selbst in meinem Kopf habe, kollidiert mit dem, welches ich im Spiegel sehe oder dem, wenn ich an mir selbst hinabschaue. So einfach ist das (oder auch nicht). Reine Äußerlichkeit? Mag sein, aber eben eine entscheidende.
Wie kann es sein, daß ich meine Brüste noch nicht einmal abbinde, weil ich es nicht ertrage, meinem Körper das anzutun, aber mich gleichzeitig auf dem Weg mache, mich einer Vollnarkose zu unterziehen, Teile meines Körpers abschneiden zu lassen und vielleicht sogar das Gefühl in den Nippeln zu verlieren? Ein kluger Kopf sagte mir, daß wäre gar nicht so verrückt, wie es klingen mag, denn die langzeitigen Schäden von ständigem Abbinden sind wohl nicht ohne.
Ich fange wieder mit Äußerlichkeiten an, diesmal aber nicht von meiner Person aus gesehen, sondern wie andere mich wahrnehmen. »Du bist doch eine ganz normale Frau«, sagte neulich eine Seminar-Teilnehmerin zu mir. Ähm, nein, bin ich nicht. Nur weil ich Brüste habe, nimmt sie mich so wahr. Es gibt auch einige, denen es nicht so geht – zum Glück!
Ich bin mir ständig meines Körpers bewußt. Ganz einfach weil er etwas darstellt, was ich nicht empfinde. Nie zuvor war es allerdings so offensichtlich und so extrem spürbar, wie bei oben erwähntem Seminar. Ich habe ständig an meinem Pulli herumgezupft, um so gut wie möglich meine Brüste zu verbergen, damit ich auch nach dem ausschaue, was ich so deutlich in der relativ großen Gruppe ausgesprochen habe: nicht Frau zu sein.
Abschiednehmen vom Kern der Gruppe war ein sehr seltsames Gefühl, denn mir war jedesmal bewußt, daß diese Menschen, denen ich lang und breit erklärt hatte, ich empfinde mich nicht als Frau, daß diese Menschen nun meine Brüste spüren würden. So nahe mir die meisten der Leute während dieser Woche gekommen waren, so fremdartig fühlten sich die Umarmungen an. Verstehen sie, was ich ihnen vermittelt hatte? Können sie diese Kluft zwischen sehen/spüren und meinen Worten überbrücken, oder warf es sie auf die gängige Meinung zurück, daß es nur zwei Geschlechter gibt?
Bei einer Übung kam ich auf den Wunsch selbstsicherer zu sein. Diese Übung hat wie eine Bombe eingeschlagen. Irgendwo scheint bei mir ein Knoten geplatzt zu sein. Ich bin mir zwar meines Körpers bewußt, aber ich fühle mich nicht sicher darin. Ich habe auch jetzt noch nicht die passenden Worte, um zu beschreiben, wie sich das anfühlt. Ich habe das Gefühl, daß diese mangelnde Selbstsicherheit meines Körpers gegenüber wirkt sich auf alles andere in meinem Leben aus.
Und nein, ich denke jetzt nicht, daß nach der OP alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Dazu gehört schon noch einiges mehr. Aber ich glaube, es ist ein Anfang, oder könnte zumindest einer sein.
So viel einmal an dieser Stelle zum Verrat. Mehr folgt.
